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Eveline

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Samstag, 22. März 2014, 14:31

Umstrittene Krankheit Fibromyalgie: Fakten statt Mythen

Das Fibromyalgie-Syndrom (FMS) ist ein viel und kontrovers diskutiertes diagnostische Etikett und Beschwerdebild. Evidenzbasierte Leitlinien räumen mit weit verbreiteten Irrmeinungen auf und weisen den Weg zu effektiven Therapien.


Sind die Patienten/-innen depressiv? Leiden sie an Rheuma? Oder rühren ihre Schmerzen von einer Infektion? Um kaum eine Schmerzerkrankung ranken sich so viele Mythen und Unsicherheiten wie um das Fibromyalgie-Syndrom (FMS). Die chronische Krankheit ist durch Schmerzen der Muskulatur, des Bindegewebes und der Gelenke gekennzeichnet, mitunter tut „der ganze Körper“ weh. Etwa zwei Prozent der Bevölkerung leiden daran, Frauen vier- bis siebenmal so häufig wie Männer. Die medizinische Fachwelt liefert sich zum Teil erbitterte Kontroversen über Klassifikation, Ätiologie, Diagnose und Therapie der Krankheit. „Einige der mitunter vertretenen Meinungen sind aber wohl Glaubensbekenntnisse einzelner Fachdisziplinen, was den Patienten/-innen nicht weiterhilft“, kritisiert PD Dr. Winfried Häuser anlässlich des 18. Internationalen Wiener Schmerzsymposiums. Der Leiter des Zentrums für Schmerztherapie am Klinikum Saarbrücken war federführend an der Entwicklung der deutschen interdisziplinären Leitlinie zum Fibromyalgie-Syndrom beteiligt. Er plädiert dafür, den zahlreichen Halbwahrheiten und Fehlmeinungen gesichertes Wissen zum umstrittenen Krankheitsbild entgegenzusetzen: „Das erspart Betroffenen jahrelange Unsicherheit und viele unnötige Schmerzen, denn so kann rascher eine passende Therapie eingeleitet werden.“

Mythen und Fakten zur Klassifikation: Nicht immer schmerzt die Seele

Die manchmal auch Patienten/-innen gegenüber vertretene Behauptung, FMS gäbe es gar nicht, ist bereits vor 20 Jahren widerlegt worden, als die Fibromyalgie in die offizielle Krankheitsliste der WHO aufgenommen wurde. Verbreitet ist immer noch die Annahme, es handle sich bei FMS um eine somatoforme Schmerzstörung, bei der sich der Schmerz entwickelt oder intensiviert, nachdem Patienten/-innen emotionalen oder psychosozialen Belastungen ausgesetzt waren. In klinischen Einrichtungen erfüllen 60-80% der FMS-Patientinnen auch die Kriterien einer anhaltenden somatoformen Schmerzstörung. Auch die von Vertretern/-innen der Psychiatrie immer wieder vertretene Theorie, Fibromyalgie sei nichts anderes als eine larvierte Depression, hält sich hartnäckig. Die Datenlage widerlegt dies allerdings. „Je nach verwendeten diagnostischen und anderen Parameter erfüllen nur 30 bis 80 Prozent der FMS-Patienten/-innen die Kriterien einer depressiven Störung. Nicht jede/-r FMS-Patient/-in ist also depressiv und nicht jede/-r depressive Patient/-in leidet an Schmerzen an verschiedenen Körperregionen“, stellt PD Häuser klar. Die deutschen interdisziplinären Leitlinien klassifizieren die Krankheit als funktionelle Störung, die selten in Reinform auftritt. FMS geht häufig einher mit anderen funktionellen Störungen, etwa dem Reizdarmsyndrom, psychischen Störungen (Depression, Angst- oder posttraumatische Belastungsstörungen) oder somatischen Begleiterkrankungen wie einer entzündlichen Rheumaerkrankung. Bei einer multilokulären Schmerzsymptomatik können aber auch einige Schmerzregionen durch somatische Krankheitsfaktoren erklärt werden, beispielsweise Nervenschmerzen nach einem Bandscheibenvorfall.

Mythen und Fakten zur Diagnose: Nicht immer schmerzen die Tenderpoints

Über viele Jahre wurden Tender-Point-Untersuchungen durch Rheumatologen/-innen vorgenommen, um die Diagnose FMS zu belegen. „Diese Vorgangsweise ist inzwischen überholt. Neuere Studien haben gezeigt, dass die druckempfindlichen Punkte unspezifische Schmerzpunkte sein und bei FMS-Patienten/-innen auch durchaus fehlen können“, erklärt PD Häuser. Laut Leitlinien ist eine Diagnose zielführend, die die klassische Schmerzsymptomatik in mehreren Körperregionen mithilfe von Schmerzskizzen und eines Fragebogens überprüft. Außerdem müssen körperliche Erkrankungen, welche die Beschwerden der Patienten/-innen ausreichend erklären, oder die Einnahme von Medikamenten, die chronische Schmerzen auslösen können, ausgeschlossen werden.

Mythen und Fakten zur Therapie: Psychotherapie alleine kann FMS nicht heilen

„Realistische Therapieziele sind der Erhalt und die Verbesserung der Leistungsfähigkeit im Alltag. Beschwerdefreiheit, wie sie manchmal vor allem von psychodynamisch orientierten Psychotherapeuten/-innen fälschlicherweise in Aussicht gestellt wird, ist dagegen ein unrealistisches Ziel. Psychotherapie kann Fibromyalgie leider nicht heilen“, widerlegt PD Häuser einen weiteren Mythos. „Da Fibromyalgie so viele Ursachen sowie leichtere und schwerere Verläufe haben kann, liegt es auf der Hand, dass es nicht eine einzig richtige Therapieform geben kann“, betont der Experte. Bei leichten Verläufen sei etwa gar keine spezifische Behandlung angezeigt. Betroffene sollten aber zu regelmäßigen körperlichen und geistigen Aktivitäten ermutigt werden. Eine medikamentöse Therapie sei in diesem Fällen laut Leitlinien nicht zwingend nötig. Bei schweren Verläufen sollte Patienten/-innen neben aerobem Training und meditativen Bewegungstherapien wie Qi-Gong oder Yoga eine zeitliche befristete medikamentöse sowie multimodale Therapien empfohlen werden, darunter mindestens ein körperlich aktivierendes und ein psychotherapeutisches Verfahren. Die Leitlinie spricht für kein Medikament eine starke Empfehlung aus, rät jedoch dezidiert davon ab, starke Opioide einzusetzen.
Die vollständige deutsche interdisziplinäre evidenzbasierte Leitlinie zum Fibromyalgie-Syndrom, einschließlich einer Patienten/-innen- und Angehörigenversion, ist aufrufbar unter AWMF: Detail

Quelle B&K - Bettschart&Kofler Kommunikationsberatung
Dr. Birgit Kofler-Bettschart
PA zum 18. Internationalen Wiener Schmerzsymposium, 7.-8. März 2014

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