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Montag, 26. September 2011, 11:59

Erschreckend: 85 Prozent der Lenker fahren vorbei, ohne zu helfen


Strahlender Sonnenschein, eine gut frequentierte Landstraße, am Straßenrand ein rauchendes Unfallauto, in der Wiese ein regungsloser Mann. Wie reagieren Lenker, die mit dieser Situation konfrontiert werden? Der ÖAMTC hat mit Unterstützung des Landespolizeikommandos Burgenland und der BH Mattersburg den Test gemacht. "Mehr als drei Viertel der Fahrzeuglenker haben das Unfallopfer ignoriert und sind weitergefahren", schilderte ÖAMTC-Generalsekretär Oliver Schmerold anlässlich der heutigen Pressekonferenz das erschreckende Ergebnis. Von 246 Fahrzeuglenkern haben nur 38 unmittelbar reagiert und angehalten. Die Begründungen der Lenker sind vielfältig, die Antworten teils haarig: "Das ist mir gar nicht aufgefallen", "Mir war gleich klar, das ist kein richtiger Unfall, das kann an der Stelle so nicht passieren" oder "Ich war sicher, da hilft schon wer". Die wahren Gründe ortet man beim Club in der Angst, etwas falsch zu machen. "Das Schlimmste ist jedenfalls, nichts zu tun", stellt der ÖAMTC-Generalsekretär klar. "Gerade die ersten Schritte können Leben retten."

Der Test wurde über rund zwei Stunden unter idealen Wetterbedingungen an einem Vormittag Ende August durchgeführt. Die ÖAMTC-Experten wählten einen Streckenabschnitt der B50 zwischen Mattersburg und Eisenstadt. Zuerst wurde das Wrack stehend neben der Fahrbahn positioniert, das Opfer lag regungslos in der Wiese. "Es hat unfassbare sechs Minuten gedauert, bis der erste stehen geblieben ist. Und das trotz regen Verkehrs", schildert Testleiterin, ÖAMTC-Verkehrspsychologin Marion Seidenberger, die Einstiegsphase. Nur zwei von rund 70 Lenkern haben angehalten, um zu helfen. Die Begründung der meisten: "Das sei nicht als Unfall erkennbar gewesen." Die zwei, die das anders gesehen haben, waren sehr aufgeregt und heilfroh, als sich das Ganze als Test herausgestellt hat.

Mit dem Umlegen des Wracks wirkte die Situation dramatischer, das "Opfer" variierte sein Verhalten und setzte sich z. B. neben das Auto. Damit erhöhte sich zwar die Anzahl der Helfer, die Bilanz bleibt trotzdem ernüchternd: Nur rund jeder 7. blieb unmittelbar stehen, um Hilfe anzubieten. Von 246 Fahrzeugen (201 Pkw, 42 Lkw, 2 Motorräder und 1 Radfahrer) stoppten nur 38 Lenker (15 Prozent) sofort, 208 (85 Prozent) fuhren vorbei. Unter den 38 Lenkern, die sofort angehalten haben, waren 28 Pkw-Lenker, neun Lkw-Lenker und der Radfahrer. Ebenfalls vorbildlich: das Team eines zufällig vorbeikommenden Rotkreuz-Wagens. Die ehrenamtlichen Helfer stoppten natürlich sofort. "Gut getippt" war die Einschätzung der Sanitäter: "80 Prozent fahren in der Realität vorbei".

Auffallend für die Verkehrspsychologin: "Ein Großteil der Lenker, nämlich rund 84 Prozent, hat den Unfallwagen blickmäßig wahrgenommen. Das zeigen die Aufzeichnungen." Was ebenfalls deutlich wurde: Wer abgelenkt ist, nimmt den Straßenraum weniger wahr, es fehlt die Zeit zum Reagieren. "Es war einiges zu beobachten, vom Navi-Hantieren über Handytelefonate bis hin zu aufgeregten Gesprächen mit dem Beifahrer. Und ein Lenker hat sogar Obst geschält", schildert Seidenberger.

Im gesamten Erhebungszeitraum gingen übrigens nur zwei Notrufe in der Leitstelle der Polizei ein. Und das Fazit des "Opfers" an diesem Tag: "Ich bin heilfroh, dass mir nicht wirklich was passiert ist!"

Erhebung dritter Verkehrssicherheitsschwerpunkt des Clubs im heurigen Jahr
"Verkehrssicherheit heißt Bewusstseinsbildung quer über alle Altersgruppen. Das ist eine wichtige Aufgabe für uns als Mobilitätsclub", so ÖAMTC-Generalsekretär Oliver Schmerold. Die Zivilcourage-Erhebung ist bereits der dritte Verkehrssicherheitsschwerpunkt, den der Club in diesem Jahr setzt. Die Jugend-Kampagne "7 Schicksale - 7 Schatten" läuft nach wie vor in ganz Österreich in Schulen und Kasernen. Die Aktion "So klein ohne Hut" hat die Autofahrer zeitgerecht zum Schulbeginn auf die Verkehrswahrnehmung von Volksschulkindern aufmerksam gemacht. Alle Details zu den nationalen und internationalen Verkehrssicherheitsaktionen des Clubs findet man auch unter www.oeamtc.at/makeroadssafe .

"Stehen bleiben und die Feuerwehr anrufen kann doch jeder" - "Da alle vorbei gefahren sind, fährt man genauso vorbei"


Nur 15 Prozent aller Fahrzeuglenker bleiben bei einem Unfall stehen und helfen - so das erschütternde Ergebnis einer ÖAMTC-Erhebung Ende August. Gemeinsam mit der Verkehrsabteilung der Polizei Burgenland hat der Club an einer Bundesstraße ein Unfallszenario simuliert und die Reaktionen der Lenker beobachtet und ausgewertet. Warum nur so wenige angehalten haben? ÖAMTC-Verkehrspsychologin Marion Seidenberger hat eine Erklärung: "Im Vordergrund steht die Angst, etwas falsch zu machen. Ein Großteil der Lenker erlebte zum ersten Mal so eine Situation."

Einige Zitate von Lenkern, die stehen geblieben sind, um zu helfen
"Die meisten 'Stehenbleiber' waren extrem aufgeregt und erschrocken", schildert Seidenberger die Situation. "Helfen ist ein emotionaler Kraftakt. Umso wichtiger ist es, auf solche Situationen vorbereitet zu sein."

* Elfriede R.: (56 Jahre): "Ich habe das umgekippte Auto gesehen, einen Mann, der draußen liegt. Ich war schockiert. Ich habe eingebremst und gleich zum Handy gegriffen."

* Aron L.: (30 Jahre): " Es gehört dazu, dass man stehen bleibt und hilft, wenn jemand einen Unfall hat. Stehen bleiben und Feuerwehr, Polizei und Rettung anrufen kann doch ein jeder."

* Karin H. (44 Jahre): "Ich habe mir gedacht, um Gottes Willen, da ist ein Unfall passiert. Ich muss jetzt fragen, ob schon Hilfe kommt, oder ich muss hingehen zu ihm. Ich bin jetzt sehr aufgeregt."

* Maria Z. (52 Jahre): "Der erste Gedanke war, wir bleiben da stehen und rufen die Rettung und die Polizei. Dann hätten wir geschaut, wo wir stehen bleiben können, damit wir nichts behindern."

* Klemens J. (57 Jahre): "Nachdem ich jetzt im Laufe des Jahres den Ersthelferkurs beim Roten Kreuz belegt habe, war das für mich eine Selbstverständlichkeit."

* Franz N. (49 Jahre): "Ich habe mich gewundert, dass ein oder zwei Fahrzeuge vor mir nicht stehen geblieben sind. Ich hab nicht darüber nachgedacht, vielleicht haben sie es nicht gesehen. Aber eigentlich müssten sie es gesehen haben."

Einige Zitate von Lenkern, die weiter gefahren sind, ohne zu helfen


"Die 'Weiterfahrer' haben zum einen nichts bemerkt, zum anderen viele Erklärungsmuster, die aufgrund der herausfordernden Situation zustande kommen", erklärt die ÖAMTC-Verkehrspsychologin.

* Dorothea K. (24 Jahre): "Ich habe mir gedacht, der ist wohl verunfallt, aber es ist schon länger her und er schaut sich den Schaden am Auto an. (...) Ich habe mir gedacht, wenn da was wäre, wäre ja schon jemand vor Ort. (...) Da die alle vorbei gefahren sind, fährt man genauso vorbei. Auch ich bin vorbei gefahren, es ist wirklich schlimm."

* Adolf G. (71 Jahre): "Das gibt es ja gar nicht: Es kann da gar nicht passiert sein, dass sich da wer überschlägt."

* Georg S. (60 Jahre): "Mir ist gleich vorgekommen, dass das gestellt war."

* Adam H. (47 Jahre): "Irgendetwas ist da auf der Erde gelegen. Aber ich schau immer auf die Straße, wissen Sie."

* Karin T. (38 Jahre): "Ich habe nichts gesehen, mir ist nichts aufgefallen. (...) Es geht ja um Erste Hilfe. Ich hab mir gedacht, oje, der Erste-Hilfe-Kurs ist auch schon länger her."

* Ina L. (27 Jahre): "Ich war so in Gedanken, ich habe das Unfallauto nicht gesehen. Erschreckenderweise. (...) Es ist als Frau immer so eine Sache, bleibt man stehen oder nicht. (..) Bei solchen Verhältnissen wie es heute ist, wäre ich stehen geblieben und hätte zumindest einen Notruf getätigt."

Selbstschutz geht vor - jedenfalls Notruf wählen - Erste-Hilfe-Kurs gibt Sicherheit


Die ÖAMTC-Erhebung "Zivilcourage" hat gezeigt, dass sich nur die wenigsten zutrauen, bei einem Notfall rasch und gezielt Erste-Hilfe zu leisten. Dabei sind gerade Ersthelfer das wichtigste Glied in der Rettungskette. Je schneller und effektiver geholfen wird, desto besser sind die Chancen für das Unfallopfer. "Helfen ist nicht nur eine gesetzliche, sondern auch eine moralische Pflicht", erklärt ÖAMTC-Chefjurist Andreas Achrainer. "Zumindest das Absetzen eines Notrufs ist jedem zumutbar." Alle weiteren Schritte hängen von den Umständen am Unfallort ab.

Diese Maßnahmen sollte ein Ersthelfer bestenfalls setzen:

  • "Nur wer handlungsfähig ist, kann helfen. Deshalb geht Selbstschutz vor", erklärt der ÖAMTC-Chefjurist. Also Auto sicher abstellen und Warnweste anlegen.
  • Unfallstelle absichern (Pannendreieck, Warnblinkanlage). Speziell auf Autobahnen und Schnellstraßen Insassen im eigenen Wagen in Sicherheit bringen.
  • Unfallsituation erfassen (für den Notruf wichtig: wo, was, wie viele Verletzte, wer ruft an).
  • Notruf wählen (International 112, Feuerwehr 122, Polizei 133, Rettung 144).
  • Weitere Erste Hilfe leisten, Unfallopfer beruhigen, Mut zusprechen, Ankunft der Rettungskräfte abwarten.

"Helfen bedeutet in erster Linie, die Situation richtig einzuschätzen. Deshalb ist es wichtig, Ruhe und den Überblick zu bewahren", so der ÖAMTC-Experte.

Erste-Hilfe-Kurs gibt Sicherheit
Abgesehen von jenen, die ehrenamtlich Dienst bei Rettungsorganisationen leisten, haben die wenigsten Erfahrung mit Unfallsituationen. Sicherheit im Ernstfall gibt jedenfalls ein Erste-Hilfe-Kurs. Um das Engagement aller potenziellen Ersthelfer zu honorieren, belohnt der ÖAMTC insgesamt 120 Personen, die einen Erste-Hilfe-Grundkurs oder Auffrischungskurs absolviert haben, mit einem Erste-Hilfe- sowie Pannenset. Mitmachen kann man online unter: www.oeamtc.at/zivilcourage

Quelle OTS0091 2011-09-26/11:14
261114 Sep 11

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Tags: Erste Hilfe bei Unfällen

Kategorien: NEWS aus aller Welt - dies und das

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